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Thesenpapier – Matthias Fuchs

 

1. Kommunismus und Faschismus als Heilsideologien – das Prinzip der „revolutionären Leidenschaft“

 

Francois Furet war ehemals selbst Kommunist, sein Buch „Das Ende der Illusion – der Kommunismus im 20.Jh.“ ist als eine Art Abrechnung mit dem Kommunismus zu verstehen.

Er stellt zu Beginn seiner Ausführungen zunächst folgende Grundfrage: Wie konnten Kommunismus und Faschismus, die beiden Ideologien, die das 20. Jahrhundert zum tragischen Jahrhundert werden ließen, v.a. in ihrer Frühphase eine derart große Faszination hervorrufen? Um dies zu verstehen, muß man, so Furet, ihr Entstehen untersuchen, chronologisch sogar noch weiter zurück gehen:

 

·        Die französische Revolution schafft eine Bürgergesellschaft, die auf paradoxe Weise sowohl die Freiheit des Individuums wie auch die universelle Gleichheit in sich zu vereinen sucht. Der Bürger hat sich jedoch jeglicher Tradition entledigt hat, die Position des einzelnen ist also nicht hierarchisch festgelegt ist und die Gesellschaft fußt allein auf dem Minimalkonsens des ökonomischen Liberalismus. Daher ist für den Bürger die Abgrenzung von seinen Mitbürgern (i.d.R. durch Kapitalakkumulation) der einzige Weg, sich selbst eine Identität zu schaffen. Dies führt zu einem latenten Konkurrenzdruck und der verstärkten Isolation des einzelnen, eine atomisierte Gesellschaft mit großen sozialen Disparitäten ist die Folge.

 

·        Durch den Gleichheitsanspruch des Bürgertums wird den Menschen erst die früher hingenommene und nun durch den Liberalismus noch verstärkte Ungleichheit in der Gesellschaft bewußt. In einer sich auf das Prinzip der Arbeitsteilung gründenden Gesellschaft kann aber die Verwirklichung des Gleichheitsanspruchs nur ein „imaginärer Horizont“ bleiben.
Das Bürgertum arrangiert sich in Frankreich im Folgenden mit den alten Strukturen, mit der Aristokratie, weil es glaubt, die durch die Revolution entfesselten Kräfte nicht lenken zu können und das Chaos fürchtet. „Nun verunsichern die Prinzipien von 1789, die dem Bürger einst seinen aufsehenerregenden Eintritt in die Weltgeschichte ermöglichten, diesen mehr denn je.“
Damit gibt er die Verwirklichung des Gleichheitsanspruchs, wie es scheint, auf. Diese Unfähigkeit, das demokratische Versprechen einzuhalten, gibt Anlaß zur Kritik von links und rechts, aber vor allem durch den Bürger selbst. („Der Bürger muß sich damit abfinden, zwischen den Extremen zu leben. Ein Teil seiner selbst verachtet den anderen...“) Ein Charakteristikum der modernen Demokratie ist deshalb lt. Furet „die unbegrenzte Fähigkeit, Menschen hervorzubringen, die das soziale und politische System verabscheuen, in das sie hineingeboren sind“.

 

·         Entscheidend für den Verlauf des 20. Jahrhunderts ist darüber hinaus die Macht der Ideologien, neue Systemen zur Erklärung der Welt, die nicht auf dem Transzendenten gründen. Zwar entstehen Ideen wie z.B. der Nationalismus bereits im 19. Jh., er erfährt aber erst durch die brutale Zäsur des Ersten Weltkriegs, der jegliche Traditionen, jegliches Maß hinwegfegt, und ganze Nationen in tiefe Krisen stürzt, seine unheilvolle Übersteigerung im Faschismus. Erst im 20. Jahrhundert orientieren sich Regierungen an Ideologien, da erst dann das Volk, das diesen Ideologien verfällt, wirklich Einfluß erhält.

 

·         Faschismus und Kommunismus sind beide als Antwort auf die drohende Atomisierung der Gesellschaft zu verstehen, sie wollen beide Teile des demokratischen Versprechens einlösen. Der Kommunismus stellt die übersteigerte Form des Universalismus dar, er will den Kapitalismus als Wurzel aller Ungleichheit vernichten. Wenn alle Ungleichheiten beseitigt wären, wäre der Mensch erst wahrhaft frei, so daß schließlich sowohl das Versprechen der Autonomie des Einzelnen wie das der universellen Gleichheit erfüllt wird. Der Kommunismus steht damit ganz in der Tradition des philosophischen Liberalismus. Der Kommunismus steht im Zeichen des Internationalismus und setzt sich damit deutlich vom Faschismus ab, der eher als übersteigerter Partikularismus gelten kann, also genau dem entgegengesetzten Element des Universalismus: Er propagiert Nation und Rasse als sinnstiftende Leitbilder. Innerhalb der „Volksgemeinschaften“ soll ein starkes Gemeinschaftsgefühl herrschen, diejenigen, die sich außerhalb befinden, sollen jedoch versklavt oder vernichtet werden. Der Faschismus „entsteht aus einem Aufbegehren des Individuellen gegen das Universelle, des Volkes gegen die Klassen, des Nationalen gegen das Internationale. Im Ursprung ist er vom Kommunismus nicht zu trennen; zwar bekämpft er dessen Ziele, bedient sich dabei aber seiner Methoden.“ Das Konzept eines festgelegten Geschichtsablaufs weisen beide Ideologien auf, sei es nun die Durchsetzung umfassender Gleichheit oder die Dominanz einer Herrenrasse als Ende der Geschichte. Diese Konzepte nehmen den Massen ihre Orientierungslosigkeit und stellen alles Handeln in einen historischen Kontext.

Wie aber konnten diese lt. Furet so plumpen Ideologien solchen Zulauf erhalten, nicht nur die Massen, sondern auch viele Intellektuelle in ihren Bann ziehen?

 

Furet kommt zu dem Schluß daß das wichtigste Ergebnis der frz. Rev. eigentlich nicht die Etablierung eines bürgerl. Systems war, sondern die Entdeckung der rev. Leidensch.

 

·         Seit der französischen Revolution hat sich die „revolutionäre Leidenschaft“ im Bewußtsein der Bürger etabliert: der Mensch kann sich durch seinen eigenen Willen seiner Vergangenheit entledigen, das ist die Erkenntnis der frz. Revolution, und sich eine neue Gesellschaft errichten. Das Göttliche hat seine prägende Kraft in der Gesellschaft verloren, sein Platz wird übernommen von der Verheißung der Revolution, sozusagen als messianisches Element der Politik. Die Tatsache, daß das göttliche Monopol der Veränderung der Welt gefallen ist, und nun jedes Individuum selbst eine neue Weltordnung erschaffen kann, öffnet dem Aufleben des politischen Fanatismus Tür und Tor.

 

Der rev. Funke mußte aber nach der Erstarrung der Bürgergesellschaft erst wieder Nährboden finden und neu entfacht werden.

 

·         Entscheidend wirkt nun der Erste Weltkrieg ein: Er zerrüttet die sozialen Strukturen Europas. Der Adel hält nicht mehr seine schützende Hand über das Bürgertum, er ist mit ihm im Zeichen des Nationalismus verschmolzen. Das Volk wird nun mehr zum Handelnden in der Politik, der Selbsthaß des Bürgers kann sich ungehindert Bahn brechen. Außerdem werden die Massen durch das Trauma, das gemeinsame Leid des Ersten Weltkriegs emotionalisiert, sie fühlen kollektiv. Der Rationalismus des 19. Jahrhunderts wird gerade in den zivilisiertesten Staaten Europas von den Massengefühlen übermannt, weil sich hier die alten Hierarchien durch den Krieg diskreditiert haben. Es herrscht ein Zustand der „egalitären Zersplitterung“.

 

·         In dieser Situation wird nun das „Feuer der Revolution“ wieder entzündet: In Rußland findet die bolschewistische Revolution statt. Trotz Skepsis der europäischen Marxisten – denen erscheint Rußland zu rückständig, Armut und Unbildung zu groß, als daß hier das Ideal der Gleichheit verwirklicht werden könnte (– trotzdem Glaube an Ausbreitung der Revolution) trotzdem ist dies ein Symbol. Der Erfolg der bolschewistischen Revolution von 1917 verführt die Massen, ihre politische Partizipation nicht in demokratischen Parteien zu suchen, sondern in der Revolution, in einem politischen Messianismus.

(„Der Krieg hat allerorts ein politisches Thema aufgebracht, das gleichermaßen eine Reaktion auf die Ereignisse ist und dem Herdentrieb des Menschen entspricht, und dabei eher den großen, kollektiven Emotionen Tribut zollt als der Überprüfung von Programmen und Ideen.“)

 

·         Und dieses revolutionäre Element und den Selbsthaß des Bürgers, der endlich eine gleiche Gesellschaft fordert, machen sich nun Kommunismus und Faschismus zunutze. Obwohl die Kommunisten die bürgerliche Gesellschaft vernichten wollen, die aus der französischen Revolution hervorging und obwohl der Faschismus die Ideen von 1789 bekämpft, sind beide „Zeloten einer revolutionären Kultur“, sie haben beide das revolutionäre Element von 1789 übernommen, das ist eine Tatsache, die in der Situation nach dem ersten Weltkrieg entscheidend zu ihrem Erfolg beiträgt. Anders als die konterrevolutionären Kräfte, die in Wahrheit jede Revolution fürchteten, auch eine Konterrevolution, „schlägt der Faschismus sein Zelt im Lager der Revolution auf“, wie Furet sagt.

 

Zur Machtübernahme des Bolschewismus nach dem Ersten Weltkrieg bleibt noch zu sagen, daß dieser so erfolgreich sein konnte, weil er von vornherein den Krieg abgelehnt hat. Er brandmarkt im Nachhinein Kapitalismus und Imperialismus als seine Verursacher. Somit gibt er diesem Krieg eine Art Erklärung und leitet daraus sein Heilmittel ab: Die Vernichtung von Kapital und Nationalismus, um künftige Schrecken zu verhindern. Furet attestiert dem Kommunismus auch die „attraktivere“ Ideologie: dieser gibt dem Menschen das berauschende Gefühl, historisch handeln zu können, Faschismus dagegen hat nur obskuren Postdarwinismus und dumpfen Nationalismus zu bieten.

 

 

·        Trotz ihrer immer wieder beschworenen Gegnerschaft bedienen sich sowohl Kommunismus wie auch Faschismus ähnlicher Methoden, sie eint die Feindschaft gegen das Bürgertum. Sie stehen lt. Furet in einem Verhältnis wie Aktion zu Reaktion, bedingen sich gegenseitig, liefern sich gegenseitig ein Feindbild, daß ihr Handeln (Terror, Überwachung) legitimiert. „Der Faschismus ist aus einer antikommunistischen Reaktion entstanden. Der Kommunismus verdankt seine verlängerte Lebensdauer dem Antifaschismus. Der Krieg machte sie zunächst zu Verbündeten, später zu Gegnern.“ Sie haben z.T. gleiche Wurzeln (Bsp. Italien: Sozialismus), beide sind Heilsversprechen. Furet betont aber später auch, daß der Faschismus eigene revolutionäre Züge hatte, nicht bloße Abwehrreaktion war.

 

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·          (Faschismus nicht heterogen. Hitlers neues Element: Judenhaß. Jude Haßobjekt sowohl symbolisch für Internationales Kapital wie Kommunismus – paradoxe Verbindung – „Hitlers Erfindung“)

 

·         Durch den Zweiten Weltkrieg wurde der Faschismus jedoch umfassend diskreditiert, der Sieg des Kommunismus schien das Konzept der „historischen Notwendigkeit“ eindrucksvoll zu bestätigen. Der Kommunismus befand sich seit den fünfziger Jahren jedoch bereits im Niedergang und behielt seinen Mythos nur noch im Westen, wo man die gravierenden Fehler, die das Konzept in seiner praktischen Umsetzung aufwies, nicht erlebte oder ignorierte. Dies änderte sich erst ab 1991.

 

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