Deutsche Journalistenschule
Hier habe ich meine Ausbildung zum Redakteur gemacht
 Journalismus.com
Infos zum Beruf und zu den unanständigen Presserabatten
 Poynter Online
"Everything you need to be a better journalist"
 Kölner Stadt-Anzeiger
Die sympathische Regionalzeitung aus der Domstadt ;-)
 Express
Angeblich Kölns meistgeklickte Nachrichtenseite - naja
 General-Anzeiger Bonn
Hier fing alles an...
 Süddeutsche Zeitung
Unser aller Leitmedium
 BILD-Blog
...Bild dir deine Meinung lieber selbst

Wahlkampf im Internet: Wie die Parteien sich im Netz präsentieren

Run auf die Wechselwähler

Witzchen über den Gegner oder politische Homestorys - der Einfluss auf den Wähler ist umstritten

Es gab einmal eine Zeit, da spielte sich der Bundestagswahlkampf einzig und allein in Fußgängerzonen, Bierzelten und im Fernsehen ab. Doch in diesem Jahr tobt der Kampf um das Kanzleramt auch an einer ganz neuen Front: im Internet. Nachdem man schon bei der letzten Bundestagswahl einige Gehversuche in diese Richtung unternommen hatte, trumpfen die Parteien im Netz jetzt richtig auf. Denn im Internet, das zeigen Studien, tummeln sich besonders viele der im Wahlkampf heftig umworbenen "Wechselwähler", meist junge, gut ausgebildete Leute ohne traditionelle Bindung an eine bestimmte Partei.

"Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass man nicht Kanzler werden kann, wenn man im Internet nicht aktiv wäre", sagt Franz Stangl, im "Stoiber-Team" der CDU/CSU verantwortlich für den Bereich Online. Diese Ansicht teilt auch sein Gegenspieler von der SPD, Kajo Wasserhövel, zuständig für den Bereich "Online-Campaining" in der Wahlkampfzentrale "Kampa": "Bei mittlerweile über 30 Millionen Internetnutzern ist das Web zu einem Massenmedium geworden. Man kann nur dann eine erfolgreiche Wahlkampagne führen, wenn man auch im Netz gut ist."

Schließlich bietet das Netz vielfältige Möglichkeiten für politische Interaktion: e-Mail-Kontakt, Diskussionsforen und Live-Chats mit Politikern werden von allen Parteien angeboten und von den Bürgern intensiv genutzt. Allein das Portal spd.de verzeichnet nach Angaben der Partei etwa 2,5 Millionen Seitenabrufe im Monat. Die FDP dagegen brüstet sich mit dem beliebtesten politischen Diskussionsforum im Netz: 40.000 Beiträge werden jeden Monat an das virtuelle Schwarze Brett auf der Seite fdp.de gepinnt.

Beliebt bei den Surfern sind auch Gimmicks wie "virtuelle Postkarten", die an Kollegen, Freunde, Verwandte verschickt werden können. Beispiel Grüne: Eine Karte zeigt Edmund Stoiber vor dem Brandenburger Tor. Der Titel: "Zuwanderung: ja! (Mit einer Ausnahme)." Politische Botschaften, lustig verpackt - das kommt an im Netz und läßt die Parteien auf Schneeballeffekte hoffen.

Bei den Parteien bemüht man sich, das Potential des Internets im Wahlkampf auch auf andere Art auszureizen. Eines der neuen Werkzeuge nennt sich "Rapid Response". Eine Wahlkampf-Technik, wie so viele aus den USA importiert, die ihre Stärke im Netz voll ausspielen kann. Getreu dem Motto "Eine Lüge, die 24 Stunden lang unwidersprochen bleibt, wird zur Wahrheit", müssen die Parteien in der schnellebigen Medienwelt umgehend auf Äußerungen des Gegners reagieren können. Und das funktioniert: Kaum hatte die Bundesregierung eine Anzeigenserie zum Thema Zuwanderung in den Medien geschaltet, wurde auch schon jedes Statement von den CDU-Wahlkämpfern auf der Seite www.wahlfakten.de zerpflückt - die SPD verfährt auf ihren Plattformen nicht viel anders.

Die Sozialdemokraten sehen sich im Netz sogar als Vorreiter. "Der Internet-Wahlkampf ist darauf angelegt, dass wir am 22. September um 18 Uhr auch im Netz die Nase vorn haben," so Wasserhövel. Die Traditionspartei setzt auf ein breit gefächertes Angebot, um unterschiedliche Zielgruppen anzsprechen. Neben der Hauptseite spd.de, die vor allem politische Inhalte transportieren soll und Kommunikationsportal für die Wahlkämpfer vor Ort sein soll, nutzt man zusätzlich das Mittel des "negative campaigning".

Auf der Seite nicht-regierungsfaehig.de wird der Grossangriff auf den Herausforderer aus Bayern gefahren - mit dem kompletten Arsenal, das das Netz bereithält. Vor allem multimediale flash-Filmchen mit einfachen Aussagen haben es den kreativen Sozis angetan:

Der neueste Streich geht gegen Guido Westerwelle, der gerade mit seinem "Guidomobil" durch die Republik tourt. In einer Animation begegnet Westerwelle verschiedenen Politikern am Straßenrand. FDP-Größen wie Wolfgang Gerhard und Hans-Dietrich Genscher lässt er stehen, Jörg Haider und Ronald Schill dagegen lädt er ein, mitzufahren. Schließlich segelt Jürgen Möllemann mit seinem Fallschirm gegen das "Guidomobil", Westerwelle verliert die Kontrolle - und es knallt.

Als Seitenhieb auf die inszenierte Empörung der Unions-Ministerpräsidenten bei der Bundesrats-Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz ist der "Empörungsstadl" gedacht. Per Mausklick kann man hier die Herren Stoiber, Vogel und Koch nach Herzenslust auf den Tisch hauen und lamentieren lassen. Klickt man auf "Generalprobe", jammern und zappeln alle im Chor.

Die SPD leistet sich immerhin vier Grafiker und Programmierer eigens für solche Spässe. Doch bei der Netz-Community kommt diese sehr plakative Form der politischen Meinungsäußerung an. Immerhin 40.000 Besucher zählt die Seite jeden Monat. Trotzdem lässt Wasserhövel den Vorwurf des Negativwahlkampfs nicht gelten: "Die Kritik, die Auseinandersetzung und der Streit gehören zur Demokratie und auch zum Wahlkampf dazu, das ist nichts Neues."

Bei CDU und CSU glaubt man, so etwas ohnehin nicht nötig zu haben. "Nachdem uns die Argumente nicht ausgehen, brauchen wir auch kein negative campaining", glaubt Online-Stratege Stangl. Neben den jeweiligen Parteiseiten von CDU und CSU ist stoiber.de ein wichtiges Element im Gesamtkonzept der Opposition. Wer sich hierher verirrt, kann den Kandidaten beim Planschen mit den Enkeln im Schwimmbecken bewundern, hört, dass der kleine Edmund die siebte Klassse wiederholen musste (wegen Latein) und erfährt, dass der Kandidat am liebsten Braten und Knödel isst. Wer hätte das gedacht. Auch ein "Stoiber-Quiz" gibt es, bei dem unglücklicherweise fast die Hälfte der Teilnehmer die Frage "Wird Stoiber die Wahl gewinnen" mit "nein" beantwortet haben.

Politische Inhalte zu vermitteln ist offensichtlich nicht die Stärke dieser Seite, aber das ist auch gar nicht gewollt. "Wir wollten die Frage beantworten ‚Wer ist eigentlich dieser Mensch Edmund Stoiber', und deshalb haben wir die Seite ganz stark nur als Personalityseite aufgebaut," so Stangl. Mit Erfolg: Über 100.000 Besucher hatte die Seite, laut CSU-Angaben, in den ersten 24 Stunden nach ihrem Neustart zu verzeichnen.

Klar, dass da die Konkurrenz nicht ins Abseits geraten will: Joschka Fischer präsentiert sich auf joschka.de, und am Dienstag vergangener Woche startete die SPD die Seite gerhardschroeder.de. Zwei Millionen Seitenabrufe und 800 e-mails innerhalb von drei Tagen zeugen, so die SPD, von regem Interesse der Öffentlichkeit. Immerhin bleibt man auf der ansprechend gestalteten Seite von allzu intimen Details verschont. Einzig Gerhard Schröders fußballerische Leistungen werden ausführlich gewürdigt, ansonsten steht die politische Karriere im Vordergrund.

Vorbild für diese "digitalen Hochglanzbroschüren" war eindeutig der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2000, bei dem sich die Kandidaten erstmals mit professionellen Homepages auch von ihrer privaten Seite im Netz präsentierten. Der in Deutschland bereits bei der Wahl 1998 erkennbare Trend zur Personalisierung des Wahlkampfs setzt sich also auch im Netz fort.

Der Aufwand der Parteien für die virtuelle Präsentation ihrer Zugpferde könnte am Ende allerdings vergebens gewesen sein, wenn sich Studien aus den USA auch hierzulande bestätigen. Laut Erhebungen des Meinungsforschungsinstituts Jupiter MediaMetrix besuchten im US-Wahlkampf die meisten Internet-Nutzer einzig und allein die Website des Kandidaten, dem sie ohnenhin politisch nahestanden. Neue Wähler kann man auf diese Art kaum gewinnen. Somit stellt sich die Frage, wie gut die Millionen angelegt sind, die sich die Parteien ihren Wahlkampf im Internet wohl kosten lassen.

Matthias Fuchs

(Kölner Stadt-Anzeiger, 12.8.2002)



 back