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Wie kommt der Müllwagen in den Urwald?

Von Kasachstan bis Kappadokien: Müllmänner zeigen den Münchnern ihr "Heimatbild"

München - Wie ein Raumschiff von einem anderen Stern sieht es auf dem Foto aus, dieses knallig orangene Gefährt, das da zwischen den Palmen parkt. Umlagert von einer Horde kleiner Kinder, deren weiße Zähne aus den dunklen Gesichtern blitzen. Was in aller Welt hat er hier zu suchen, ein Münchener Müllwagen mitten im Urwald von Ghana? Fernab von seinem natürlichen Habitat, tausende Kilometer vom herben Duft der Müllkübel Schwabings?

Schuld daran ist das Künstlerduo "Empfangshalle". Corbinian Böhm und Michael Gruber hatten die Idee, Münchener Müllmänner mit einem zum Wohnmobil umgebauten Müllauto auf große Reise in ihre Heimatländer zu schicken. Jeder von ihnen machte ein individuelles Erinnerungsfoto von einem Ort oder einer Situation, die für ihn "Heimat" bedeutete - der Wagen war dabei mit auf dem Bild. So entstanden "Heimatbilder" die im Format 200x120 cm an die Müllautos montiert wurden, mit denen die Arbeiter jeden Tag ihren Dienst versehen.

Seit Februar 2003 kann man die Fotos bewundern - wenn man früh genug aufsteht. So bekommen die Münchner eine mobile Kunstausstellung geboten. Gleichzeitig sollen die Männer in Orange nicht länger anonyme Dienstleister sein, sondern Menschen mit Gesicht, mit einer Heimat und einer Geschichte. "Der Bürger, der gerade seine Abfalltüte rausbringt, sieht das Bild und fragt die Arbeiter, was es bedeutet. So entsteht Kommunikation," sagt Corbinius Böhm.

"Woher Kollege - Wohin Kollege" nannten sie ihr Projekt und begeisterten damit vor zwei Jah-ren die Juroren des Wettbewerbs "Kunst am Bau", der im Rahmen des Neubaus des Betriebshofs Ost an der Truderinger Straße ausgeschrieben wurde. Zwei Prozent der Investitionssumme bei öffentlichen Bauvorhaben, so will es die Stadt, soll für "Kunst am Bau" ausgegeben werden. Die 200.000 Euro ermöglichten Böhm und Gruber die Durchführung ihres Projekts.

Ein Jahr dauerte das "Casting". Böhm und Gruber frühstückten jeden Tag mit den Müllkutschern und kitzelten aus ihnen heraus, was eigentlich "Heimat" für jeden von ihnen bedeutete. Dann besorgten die Künstler ein gebrauchtes Müllauto, reinigten es und bauten einen Wohncontainer ein. Schließlich brachen 28 Müllwerker im Sommer 2002 in ihre Heimat auf.

Menschen aus 23 Nationen arbeiten bei den Münchner Abfallwirtschaftsbetrieben und genauso vielfältig waren die Reiseziele. Für die meisten ging es in die Türkei, manche mussten auch nur bis Neuperlach fahren. Giorgio Cosenzas Wagen ist auf regennassem Asphalt vor einem Schild mit der Aufschrift "Italia" zu sehen - mitten auf dem Brenner. Der gebürtige Italiener lebt seit vielen Jahren in Deutschland, aber wo seine Heimat ist, weiß er nicht mehr. So entschied er sich eben für die Mitte.

Nicolai Reifenrath fuhr in die Ukraine und fotografierte seinen Wagen auf einer Brücke über die Dnjepr. "Denn dort am Limoautomaten habe ich sie das erste Mal gesehen - meine große Liebe." Für Zoran Nidzarevic war "Heimat" die Pferderennbahn in Serbien, auf der einst seine Karriere als Jockey begann. Damals, in seinem vorigen Leben, war er ein großer Star im Sattel. Auf einem Foto schüttelt ihm Tito die Hand. Und sein altes Pferd, das steht sogar in Marmor gemeißelt neben der Rennbahn.

Marc Provencal legte die weiteste Reise zurück. Er ist der Mann, der den Laster mit dem Frachtschiff bis nach Ghana brachte. In einem Dorf am Rande des Urwalds wollte er seine Mutter treffen, die er 1971 zum letzten Mal gesehen hatte. Ob sie noch lebte, wusste er nicht. Schließlich gibt es kein Telefon und keine Post in dem Dorf. Doch die 77-Jährige erfreute sich bester Gesundheit und erkannte ihren verlorenen Sohn sofort.

Ihr Ziel, Kommunikation zu schaffen, haben die Künstler erreicht, sagt Provencal. Immer wieder wird er nach Ghana gefragt, wenn er mit seinem Wagen vorfährt. Mittlerweile kennen viele Bürger im Münchener Osten den gutgelaunten Afrikaner. Lachend fügt er hinzu: "Wenn ich jetzt durch die Straße fahre, da fühle ich mich wie der König von Zamunda."

Matthias Fuchs

(DJS-Kurs Lokalreportage)



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