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Die Schnarcher von Gauting

In einer Klinik bei München werden Menschen rund um die Uhr überwacht - beim Schlafen

Es sind 16 Kabel, die an Karl Ehmers Körper baumeln. Neun Elektroden zieren seinen Kopf, messen Gehirnströme, Augen- und Kinnbewegungen. Unbequeme Brust- und Beckengurte kontrollieren die Atmung, zwei Elektroden die Bewegungen der Beine. Eine Klemme am Finger misst den Sauerstoffgehalt des Bluts. Immer mehr Schnüre und Sensoren befestigt Arzthelferin Claudia Fischer, bis Ehmer am Ende nicht mehr wie ein Mensch aussieht, eher wie ein riesiges, beleibtes Insekt. Zum Schluss bekommt er eine Maske aus Plastik aufgesetzt. Die Prozedur lässt der 42-Jährige mit stoischer Ruhe über sich ergehen, als wäre er ein Gladiator, der für den entscheidenden Kampf vorbereitet wird. Aber Ehmer kämpft in dieser Nacht einen Kampf gegen sich selbst, gegen sein Schnarchen.

Ehmer, Produktionsbetreuer bei einer Filmfirma, leidet an obstruktivem Schnarchen, sogenannter Schlafapnoe. Deshalb verbringt die Nacht nicht zuhause, sondern bereits zum zweiten Mal im Schlaflabor der Asklepios-Klinik in Gauting bei München. Während manche Labore bei Krankheitsbildern wie Schlaflosigkeit (Insomnia) oder plötzlichen Schlafanfällen (Narkolepsie) helfen können, sind die Gautinger auf die Diagnose und Behandlung von obstruktivem Schnarchen spezialisiert. Schnarchen an sich ist ein Volksleiden, an dem etwa ein Drittel aller Deutschen leidet - und diejenigen, die mit ihnen das Bett teilen. Die meisten Betroffenen haben jedoch das letztlich harmlosen Primärschnarchen - für sie sind allenfalls die Mordgelüste des geplagten Ehepartners ein Risikofaktor. Anders ist es bei bis zu zwei Prozent der Bevölkerung, die an Schlaf-Apnoe leiden. Hier kommt es während des Schlafs zu gefährlichen Atemaussetzern, oft bis zu 50 Mal pro Stunde.

Als Ehmer sich endlich in das Krankenhausbett legt und die grüngestreifte Decke hochzieht, kann er sich kaum auf die Seite drehen, ohne dass eines der vielen Kabel abreißt. "Schlafen Sie gut" sagt Claudia Fischer und löscht das Licht. Es ist 23:15 Uhr. Im Schlaflabor beginnt die Arbeit. Claudia Fischer und ihr Kollege, der 27-jährige Medizinstudent Björn Lehner, halten ständig Wache vor einer Armada von Monitoren. Nichts bleibt den beiden verborgen, egal ob die Patienten schnarchen, träumen, oder nur so tun, als ob sie schlafen. Sensoren und Infrarotkameras zeichnen gewissenhaft jede Regung der Patienten auf und übertragen sie in den Kontrollraum. Gezackte Linien zeigen die Bewegung der Augen, die Hirnaktivität, die Lautstärke des Schnarchens. Vierzig Patienten schlafen jede Woche in den acht Räumen des Labors, eines von sechs im Münchener Raum.

Die Auswirkungen des obstruktiven Schnarchens machen Karl Ehmer bereits seit Jahren zu schaffen. "Ich war tagsüber immer müde. Morgens habe ich mich nie ausgeschlafen gefühlt, immer nur kaputt." Assistenzarzt Uwe Marx, in dieser Nacht Schichtleiter im Schlaflabor, weiß warum: "Der weiche Gaumen hinter der Zunge, vor dem Eingang der Luftröhre, ist relativ labil. Nachts entspannt man dann die Muskulatur, und dadurch können die Atemwege verengt oder blockiert werden. Die Atmung setzt aus, die Patienten müssen ständig kämpfen, um Luft zu kriegen." Wenn der Sauerstoffgehalt des Bluts zu stark sinkt, gehen im Körper die Alarmsirenen an. Das Gehirn löst als Notmaßnahme einen Weckreflex aus, damit der Mensch aufwacht und wieder Luft holt. "Der Betroffene bekommt davon nichts mit, aber der Schlaf wird zerstückelt, von einer Weckreaktion zur nächsten. So kommt man nie in die erholsamen Tiefschlafphasen", sagt Marx.

Was das bedeutet, zeigt die Aufzeichnung von Ehmers letzter Nacht im Labor. Auf dem flimmernden Infrarotbild ist ein Mensch zu sehen, der schnarcht, dass sich die Balken biegen. Plötzlich bleibt ihm die Luft weg. Er japst nach Atem, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Quälende Sekunden lang. Mit einem lauten Röcheln holt er endlich wieder Luft. Die Prozedur wiederholt sich, stundenlang. Als Ehmer die Aufzeichnung sah, war er geschockt. Auch weil er zum ersten Mal hörte, was seine Frau schon jahrelang ertragen musste. "Ich ziehe meinen Hut, dass ich trotzdem noch zuhause wohnen darf", sagt er.

Doch Schnarchen und Röcheln sind sind harmlos gegenüber den Folgen des ruhelosen Schlafs. "Wir haben mal einen Bauern behandelt, der ist auf seinem Mähdrescher eingeschlafen und dann quer durch die Felder gefahren, ohne es zu merken", erzählt Uwe Marx. Besonders dringend müssen deshalb Patienten behandelt werden, die Berufe wie Pilot oder Busfahrer ausüben, wo Konzentration über Leben und Tod entscheidet. Bleibt die Krankheit jahrelang unerkannt, können durch den Sauerstoffmangel sogar Hirnschäden auftreten. Weil der Körper jede Nacht gegen das Ersticken kämpft, wird auch das Herz-Kreislauf-System angegriffen - das Risiko eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls steigt.

Die meisten Patienten, die in dieser Nacht im Schlaflabor beobachtet werden, sind von beachtlicher Leibesfülle. Kein Zufall, denn die häufigste Ursache für das obstruktive Schnarchen ist Übergewicht. "Die Weichteile im Rachen verdicken sich bei übergewichtigen Menschen, und das verengt die Luftröhre", so Marx. Wichtig ist auch die Schlafposition. "Gerade in Rückenlage rutscht die Zunge weit nach hinten und behindert die Atmung." Deshalb ist auch Alkohol gefährlich, denn Betrunkene drehen sich im Schlaf automatisch auf den Rücken. Warum das so ist, wissen die Ärzte nicht. Wohl aber, wie man es verhindern kann. "Kleben sie sich einen Tennisball auf den Rücken", sagt Marx, "dann bleiben sie zwangsläufig auf der Seite liegen."

In den wenigsten Fällen reicht ein Tennisball. Die beste Lösung, so die Forscher, heißt immer noch: Abnehmen. Wenn das nicht hilft, kann man Schlaf-Apnoe durch eine Druckmaske, die der Atemmaske eines Kampfpiloten ähnelt, bekämpfen. Die Maske ist an ein kleines schwarzes Gerät angeschlossen, das Luft in die Nase bläst. So wird ein künstlicher Überdruck erzeugt, der die Luftröhre offenhält. Das verhindert die Atemaussetzer. Die sogenannte nCPAP-Therapie (nasal continuous positive airway pressure) hat nur einen Nachteil: Die Maske muss jede Nacht getragen werden - ein Leben lang.

Dennoch will Karl Ehmer sie ausprobieren. In dieser Nacht trägt er zum ersten Mal die Maske. Der Mann ist ein Macher, das spürt man. Einer, der sich im Beruf von Schwierigkeiten nicht abschrecken lässt, und der sich auch von der Krankheit nicht unterkriegen lassen will. Doch in dieser Nacht stößt er an seine Grenzen. Wenige Minuten, nachdem Claudia Fischer das Licht gelöscht und die Tür geschlossen hat, geht auf dem Monitor im Kontrollzentrum sein Puls in die Höhe. Auf dem grün-grauen Bild der Infrarotkamera ist zu sehen, wie er mit der einen Hand immer wieder die Notruftaste betätigt, mit der anderen an der Maske zerrt, immer panischer. Claudia Fischer eilt in sein Zimmer, nimmt ihm die Maske ab. "Entschuldigung, aber ich bekomme Panik mit dem Ding", japst er. Fischer redet beruhigend auf ihn ein. Er soll es später noch einmal versuchen. Ehmer nimmt sich ein Buch, versucht sich durch die Lektüre abzulenken. Nach einer halben Stunde dann der zweite Versuch. Wieder bekommt er die Maske aufgesetzt, das Licht wird gelöscht. "Das ist die entscheidende Phase. Wenn das mit dem Gerät jetzt nicht klappt, hat es keinen Sinn mehr. Dann kann man es frühestens in einem Jahr wieder versuchen", sagt Fischer und zoomt die Infrarotkamera ganz nah auf Ehmers Kopf. Mit offenen, angsterfüllten Augen starrt er in die Dunkelheit.

Eine Alternative zur Maske gibt es derzeit nicht. "Viele versuchen immer noch, die Schlaf-Apnoe mit einer Operation in den Griff zu bekommen", sagt Assistenzarzt Marx. Dabei werden die Weichteile im Rachen teilweise weggeschnitten, oft auch das Zäpfchen entfernt. Meist mit zweifelhaftem Erfolg. Die Atemaussetzer werden kaum weniger, dafür können die Patienten nicht mehr richtig essen, weil durch das Fehlen des Zäpfchens permanent Speisereste in die Luftröhre gelangen.

Eine Stunde später. Die Linie, die die Hirnströme von Karl Ehmer anzeigt, ist flacher geworden. Auch seine Augenlider bewegen sich nicht mehr. Mit einem kurzen Blick übersetzt Björn Lehner im Kontrollraum die abstrakten Kurven in eine erlösende Aussage: "Endlich schläft er." Ehmer ist bereits in der Tiefschlafphase und träumt. "Die Meisten haben am Anfang Angst. Irgendwann sind sie aber doch so müde, dass sie loslassen können und gut schlafen", sagt Lehner. Vorsichtig erhöht er den Luftdruck in der Maske von viereinhalb auf sieben Millibar. Und das Gerät scheint zu helfen. Das Schnarchmikrofon am Hals von Karl Ehmer bleibt in dieser Nacht stumm.

Matthias Fuchs

(DJS-Kurs Reportage; Asklepios-Intern Mai 2004)



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