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Absturz ins Glück

Fallschirmspringen ist ihnen zu langweilig: BASE-Jumper stürzen sich lieber von Felswänden, Hochhäusern und Funktürmen. Sie lieben den Rausch der Beschleunigung und manchmal den Kick des Verbotenen.

Fliegen wie eine Fledermaus: Ein Spezialanzug erlaubt einen Gleitflug von  bis  zu einer Minute. Foto: Patrick MeierPatrick Meier steht am Abgrund. Wenige Zentimeter vor seinen schweren Bergschuhen reißt der Boden plötzlich ab und gibt den Blick frei auf ein verschneites Tal, voll mit winzigen Häusern und Spielzeugautos. Patrick zögert, schaut kurz nach unten, grinst. Dann dreht er sich um, formt die Finger zum „Victory“-Zeichen, und ruft „Drei, zwei, eins, böse!“ Und lässt sich nach hinten fallen. Ein bisschen erinnert die Szene an den Schwimmunterricht in der Schule. Nur dass Patrick heute nicht vom drei-Meter-Brett springt. Eher vom 340-Meter-Brett. So weit ist es von der Kante bis zum Boden. Dort dämpft kein Wasser den Aufschlag - unter ihm ist nur eisiger Fels. Gut, dass er einen Fallschirm dabei hat.

Patrick ist BASE-Jumper. Mit seinen Freunden Claus Brenk und Boris Nebe stürzt sich der 27-jährige Münchener an diesem Nachmittag in der Nähe von Interlaken in der Schweiz senkrechte Felswände hinab. BASE-Jumper wagen aber auch den Sprung von Hochhäusern, Fernsehtürmen und Staudämmen. Die Abkürzung BASE steht für Buildings (Gebäude), Antennas, Spans (Brücken) und Earth (Felsen). Normales Fallschirmspringen verhält sich zu BASE-Jumping ungefähr so wie der Bingoabend im Seniorenheim zu russischem Roulette. Wer in 5000 Metern Höhe aus dem Flugzeug steigt, hat eine halbe Ewigkeit Zeit, seinen Fallschirm zu ziehen und sicher zu Boden zu schweben. Den Extremspringern bleiben nur wenige Sekunden. Die Reißleine wird erst im allerletzten Moment gezogen, der tödliche Fall knapp vor dem Boden gestoppt.

Als Urvater des BASE-Jumpings gilt der Amerikaner Carl Boenish, der Ende der siebziger Jahre die ersten Sprünge vom El Capitan-Felsen im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien wagte. Ihm wurde seine Leidenschaft zum Verhängnis. 1984 stürzte er von einer Klippe in Norwegen in den Tod. Die Risiken des Sports führt eine Todesliste im Internet vor Augen. Minutiös wird in der „World BASE Fatality List“ Buch geführt über alle, die ins Verderben gesprungen sind. Bislang zählt die Liste 76 Opfer. Der letzte ist Jason Corcoran, der im vorigen Jahr beim Sprung von einer Brücke in Idaho zu lange wartete, seinen Schirm zu ziehen.
Dennoch übt jeder Wolkenkratzer und jeder Fernsehturm eine magische Anziehung auf die internationale Gemeinde der Objektspringer aus. Es ist meist nur eine Frage der Zeit, bis ein besonders attraktives Gebäude zum ersten Mal „gesprungen“ wird. Das deutsche Luftverkehrsgesetz macht den Springern hierzulande einen Strich durch die Rechnung: Fallschirmsprünge außerhalb von Flugplätzen sind nur in Ausnahmefällen erlaubt. Doch der Kick, als erster von einem „jungfräulichen“ Gebäude zu springen ist oft stärker als die Angst vor Strafe.

Um nicht erwischt zu werden, werden Sprünge von gut bewachten Objekten oft wochenlang vorbereitet und dann im Guerilla-Stil blitzschnell durchgeführt: Eine Gruppe von BASE-Jumpern, getarnt als harmlose Touristen, fährt auf die Aussichtsplattform eines Hochhauses. Oben legen sie ihre Fallschirme an und springen sofort ab. Nach der Landung wird der Schirm eilig zusammengerafft, in einem bereitstehenden Auto gelingt die Flucht vor der Polizei.

Zu einem legalen Event treffen sich seit 2001 jedes Jahr etwa 50 Springer in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Sie springen vom Petronas-Tower - bis vor kurzem mit 452 Metern das höchste Gebäude der Welt. Gute Beziehungen zur Regierung machen's möglich: Die Organisatorin des Events ist mit dem Sohn von ex-Premier Mahathir verheiratet. Auch am Moskauer Fernsehturm Ostankino, der 537 Meter in den Himmel über der russischen Metropole ragt, darf gesprungen werden.

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Für Patrick Meier ist es, als ob er in eine Welt der Schwerelosigkeit eintaucht. Die ersten Sekunden des Falls liebt er am meisten, wenn er den Wind noch nicht spürt und wie in einem Vakuum fällt, wenn sein Bewusstsein so geschärft ist, dass er jedes kleine Detail seiner Umgebung wahrnimmt. Wenige Meter neben ihm rast die Felswand vorbei. In seinem Magen macht sich für einen Sekundenbruchteil das flaue Gefühl des Falls breit. Er empfindet es als angenehm. Kein Wunder, denn sein Gehirn schüttet in diesem Moment in rauen Mengen das Glückshormon Endorphin aus.

Patricks Unterbewusstsein erlebt den Sturz völlig anders. Den scheinbar sicheren Tod vor Augen, aktiviert es ein Notfallprogramm aus der Urzeit der Menschheit, das im Moment äußerster Gefahr alle Reserven des Körpers mobilisiert. Der Spiegel des Stresshormons Adrenalin steigt binnen Sekunden um das dreifache. Das Herz hämmert das Blut plötzlich 150mal in der Minute durch die Adern, fast doppelt so schnell wie vor dem Sprung.

Für Patrick ist dieser Kick schon fast Routine. 280 BASE-Sprünge gehen auf sein Konto, mehrfach ist er bereits vom Petronas-Tower gesprungen. Sein persönliches Highlight: Ein Indoor-Sprung aus der Dachkonstruktion der Arena AufSchalke - mitten hinein in das ausverkaufte Fußballstadion. BASE-Springen ist seine Leidenschaft. Wer ihn als kleinen Jungen kannte, hätte das nie gedacht. Da hatte er nämlich furchtbare Höhenangst.

Eddie Kraus beim Sprung von den Petronas-Towers in Kuala Lumpur. Foto: Eddie KrausDer Schweizer Ueli Gegenschatz, einer der Stars der Szene, schwärmt von der Faszination des Sturzes: „Du sehnst dich nach dem Gefühl der Schwerelosigkeit im Moment des Absprungs, kurz bevor dich die Erdanziehung packt und rasend schnell beschleunigt“. So geht es auch Edgar Kraus, genannt Eddie, einem BASE-Jumper aus Gaißach bei München: „Gerade am Anfang, die ersten fünf Sekunden, da geht's ab, als wenn du in einem Porsche sitzt und Gas gibst.“

Eddie Kraus fasziniert das Gefühl der Macht über das eigene Schicksal. „Der Boden rast auf einen zu, und man kann entscheiden: Zieh ich den Fallschirm - oder zieh ich ihn nicht? Man ist sein eigener Herr.“ Für den 34-jährigen Softwareingenieur stellt die Extremerfahrung auch ein psychisches Gleichgewicht her, rückt die Maßstäbe zurecht. „Wie ein Besuch beim Psychiater, das heilt“, sagt er. „Die Sorgen des Alltags werden relativiert, man nimmt nicht mehr alles so wichtig.“ 41 Objekte ist er bereits gesprungen, in zehn Ländern. „Das ist ein bisschen wie Briefmarkensammeln.“

Und schließlich ist da auch der Reiz, aus einer Welt auszubrechen, in der jedes Risiko ausgeschaltet ist, jede Gefahr watteweich abgepolstert zu sein scheint. „In grauer Vorzeit musste man jeden Tag ums Überleben kämpfen. Aber heute ist doch alles doppelt und dreifach versichert“, sagt Kraus. „Man kann ja froh sein darüber, aber manche Menschen brauchen tief in ihrem Inneren einfach ein bisschen Action.“

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Das ist der Moment, in dem der Wind einsetzt. Erst leise, dann immer lauter tost die Luft in Patricks Ohren. Er registriert nicht, ob sie warm oder kalt ist. Er konzentriert sich mit jeder Faser seines Körpers auf den Sprung. Hinter ihm könnte eine Bombe explodieren, es wäre ihm egal. Sein Körper ist jetzt 130 km/h schnell. Nur noch hundert Meter sind es bis zum Boden. Er sieht die Häuser, Bäume und Autos unten im Tal, die auf ihn zu rasen. Er muss jetzt seinen Schirm ziehen, um noch rechtzeitig abgebremst zu werden. Dass es soweit ist, sagt ihm sein Gefühl. Um auf den Höhenmesser zu schauen, ist die Zeit zu knapp. Mit der rechten Hand greift er nach hinten. Dort ist in einer Halterung sein Hilfsschirm angebracht, sein „Luft-Anker“. Patrick muss ihn auswerfen, damit dieser den Hauptschirm aus seinem Rucksack zieht. Wenn der Schirm versagt, ist er tot.

Einen Reserveschirm, wie beim Sprung aus dem Flugzeug, hat Patrick nicht. BASE-Schirme sind anders konstruiert als normale Fallschirme, da sie sich besonders schnell entfalten müssen. Um einen Notschirm zu ziehen, würde die Zeit ohnehin nicht reichen.

Die meisten sind bereits erfahrene Fallschirmspringer, bevor sie ihren ersten BASE-Jump machen. 100 Sprünge aus dem Flugzeug musste Eddie Kraus absolvieren, bevor sein Fallschirmlehrer ihn einen Sprung vom Monte Brento in Norditalien machen ließ. In der Regel legen die deutschen Springer großen Wert auf Sicherheit. Das wird international zwar zuweilen als „typisch deutsch“ belächelt, dafür gibt es selten schwere Unfälle. Anders bei Kollegen aus Osteuropa, die sich die nötigen Übungssprünge oft nicht leisten können. Patrick Meier hat bereits mit ansehen müssen, wie ein Springer aus Moskau am Monte Brento in den Tod gestürzt ist. Der Fallschirm des Russen hatte sich bei der Öffnung um 180 Grad verdreht - eine Situation, die trainierte BASE-Jumper meistern können. Der russische Springer war jedoch unerfahren, hatte erst zehn normale Sprünge und zwei BASE-Jumps absolviert. Er blieb in der Felswand hängen und stürzte dann zu Boden.

Auch bei illegalen Sprüngen geht immer wieder etwas schief. Im Oktober vorigen Jahres erkletterten zwei österreichische BASE-Springer mitten in der Nacht den 146 Meter hohen Uptown-Tower, ein kürzlich fertig gestelltes Bürogebäude in München. Für den 32-jährigen Medizinstudenten Miko aus Graz sollte es etwas ganz Besonderes werden, sein erster Sprung von einem Gebäude. Doch die Premiere missglückte: Er sprang aus dem 35. Stock ab, aber sein Fallschirm verdrehte sich beim Öffnen. Dann trieb ihn eine Windböe auf die Hauswand zu. Das alles geschah binnen Sekunden. Für Miko war es wie eine Ewigkeit. „In dem Moment dachte ich ‘Das war's jetzt’“, sagt er. Glück für ihn: Sein Schirm verfing sich in einem Baukran. In 45 Metern Höhe hing er in eisig kalter Luft. Nach einer Stunde konnte ihn der Höhenrettungstrupp der Münchener Feuerwehr befreien.

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Der Moment der Wahrheit: Blitzschnell reißt Patrick seinen roten Luft-Anker aus der Halterung am Rücken. Der Hilfsschirm schießt heraus, zieht den Hauptschirm mit. Aber Patrick fällt weiter. Erst 50 Meter über dem Boden hat sich der rot-schwarz gestreifte Schirm komplett entfaltet und bremst ihn mit einem Ruck abrupt von 150 auf unter 20 km/h ab. Die Riemen seines Anzugs reißen an Schultern, Hüfte, Rücken, das Genick schlägt nach oben. Eine Sekunde lang fühlt es sich an, als ob etwas unendlich Schweres auf ihn schlägt, das ihm alle Luft aus den Lungen presst. Der Fallschirm holt ihn aus der unwirklichen Welt des freien Falls zurück in die Realität. Langsam schwebt er zu Boden und steuert seinen Fallschirm auf die Landezone zu, eine Kuhweide.

Ein Sport für jedermann wird BASE-Jumping niemals werden. Die Anforderungen an Training, Fitness und nicht zuletzt Mut sind so hoch, dass es wohl das exklusive Vergnügen einiger weniger bleiben wird. Nur etwa 40 Menschen in Deutschland, die meisten von ihnen Männer, machen regelmäßig BASE-Jumps. Weltweit sind es nicht mehr als 2000. „Keinesfalls handelt es sich um eine Trend- oder Funsportart“ warnt der Verband deutscher Objektspringer (VDO), in dem viele BASE-Springer organisiert sind.
Wer hoch hinaus will, muss zudem tief in die Tasche greifen. Um zu den exotischen Sprungplätzen auf der ganzen Welt zu gelangen, fallen hohe Reisekosten an. Die Fallschirmausrüstung schlägt noch einmal mit etwa 2500 Euro zu Buche.

Die Gefahren des Sports sind für Freunde und Familie oft eine größere Belastung als für die Sportler selbst, wie Eddie Kraus einräumt: „Meine Mutter macht sich natürlich schon Sorgen, wenn ich springe.“ Aufhören will er trotzdem nicht. „Vielleicht, wenn ich Kinder habe. Oder wenn einem guten Freund etwas passiert.“ Bis dahin hat er noch viel vor. Ein großes Bild in seinem Wohnzimmer zeigt seinen Traumsprung: Der El Capitan im Yosemite-Park, wo das BASE-Springen seine Wurzeln hat. Ein anderer Springer sagt: „Ein großer Traum von mir wäre es, einmal vom Eiffelturm zu springen - oder auch vom Kölner Dom.“

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Patricks Füße berühren den Boden, er läuft ein paar Schritte, legt seinen Fallschirm ab. Puls, Adrenalinspiegel und Endorphinwerte werden in zehn Minuten wieder auf normalem Niveau sein. Dann kommen seine beiden Freunde Claus und Boris, die kurz vor ihm gesprungen sind. Sie schütteln einander die Hände. Obwohl jeder von ihnen gerade eine 340-Meter-Felswand heruntergefallen ist, wirken sie erstaunlich cool. Alle drei gehören zu den erfahrensten Springern in Deutschland. Jeder hat mindestens 1000 Fallschirmsprünge und 180 BASE-Jumps gemacht. Dennoch sind sie froh, dass alles gutgegangen ist.

Vielleicht ist es gerade die dauernde Begegnung mit der Angst, die diese Menschen hat reifen lassen. „Gute BASE-Jumper sind meistens keine tätowierten, gepierceten Wilden, sondern ruhige, entspannte Typen“, sagt Claus, der im richtigen Leben Industriedesigner ist. Gelassen und selbstbewusst wirken sie, nicht wie Lebensmüde, die nach Gefahr lechzen. „Wenn jemand Angst hat vor dem Absprung, dann kehrt er eben wieder um“, sagt Patrick. Es gebe keinen Gruppenzwang. Schließlich sei jeder selbst für sein Leben verantwortlich. „Es soll Spaß machen. Für uns ist es nichts weiter als ein ganz normales Hobby.“

Matthias Fuchs

(
DJS-Abschlussmagazin; Kölner Stadt-Anzeiger 21.8.2004, Münchner Merkur 6.11.2004, Badische Zeitung 5.2.2005)



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