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Trotz aller Abscheu: Kannibalismus übt eine morbide Faszination aus

Issei Sagawa ist eine Berühmtheit in Japan. Der 51-Jährige ist gern gesehener Gast in Talkshows, er ist Bestsellerautor und erfolgreicher Maler. Sogar ein Song wurde über ihn geschrieben, nicht von irgendwem, sondern von den Rolling Stones (Too much Blood). Zudem soll er überaus charmant sein. Das einzige Problem: Sagawa verdankt seine Berühmtheit der Tatsache, dass er ein Mädchen umgebracht und aufgegessen hat.

Während er 1981 an der Sorbonne in Paris studierte, lernte er die 21-jährige Renée Hartevelt kennen, eine deutsche Studentin. Sagawa bat sie, ihm in seinem Apartment Gedichte vorzulesen. Dann erschoss er sie und verspeiste Teile ihres Körpers. Nach seiner Verhaftung wurde er dank der Intervention seines Vaters, eines mächtigen Industriellen, nach Japan überstellt. Dort kam er wenig später frei. Den Mord an Renée Hartevelt beschrieb er in seinem Buch In the Fog und wurde so zu einer bizarren Kultfigur.

Der Fall Sagawa illustriert wie kein anderer die zwei Seiten des Phänomens Kannibalismus. Einerseits ist es eines der letzten Schockthemen für unsere abgestumpfte Gesellschaft. Kaum einer, den nicht heftiger Ekel befallen hätte angesichts der Taten von Armin Meiwes, des "Kannibalen von Rotenburg". Andererseits übt Kannibalismus eine morbide Faszination auf die Öffentlichkeit aus, gerade weil er eines der letzten Tabus bricht. Eine Faszination, die Gestalten wie Sagawa und Meiwes Prominenz vwerschafft und einen Gentleman-Mernschenfresser wie Hannibal Lecter aus Das Schweigen der Lämmer zu einer modernen Ikone macht. Das Thema findet sich dementsprechend vielerorts in Literatur, Film und Mythologie.

Bereits in den Märchen der Brüder Grimm lauern an allen Ecken Menschenfresser. Mal als Hexe in Hänsel und Gretel, mal symbolisch als Wolf in Rotkäppchen. In Heinrich von Kleists Tragödie Penthesilea zerfleischt die Titelheldin ihren Gatten. In der griechischen Mythologie verspeist Göttervater Kronos seine Nachkommen und auch Atreus, Vorfahr des Achilles, serviert seinem Bruder Thyestes die eigenen Kinder. Schließlich ist selbst die katholische Lehre der Transubstantation, also die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi und deren Verzehr beim Abendmahl, nichts anderes als eine abstrakte Form des Kannibalismus.

Sie gründet auf dem Urtrieb, sich das Objekt der Verehrung im wahrsten Sinne des Wortes einzuverleiben. Ein trieb, den Siegmund Freud als Teil der oralen Phase bei Kleinkindern definiert hat, und der sich in Ausdrücken wie "Ich hab dich zum Fressen gern" manifestiert. Ein Trieb, der in seiner pervers übersteigerten Form den Taten von Kannibalen wie Meiwes zugrunde liegt. "Die Sexualpsychologie geht davon aus, dass durch das Essen eine Verschmelzung mit dem sexuellen Objekt stattfinden soll", sagt Andreas Marneros, Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Universität Halle.

Abgesehen von diesen pathologischen Fällen trat Kannibalismus im 20. Jahrhundert fast nur in Notsituationen auf. Bei der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht 1941 bis 1944 kam es unter den hungernden Eingeschlossenen tausendfach zu Mord und Kannibalismus, wie Geheimdienstaufzeichnungen belegen. Berühmt wurde der Fall des chilenischen Rugby-Teams, das 1972 mit dem Flugzeug in den Anden abstürzte. Um zu überleben, aßen einige von ihnen Teile ihrer verstorbenen Kameraden.

Dagegen ist der sogenannte ethnologische Kannibalismus nach Ansicht von Forschern bereits lange verschwunden. In Afrika und auf einigen Pazifikinseln verspeisten eingeborene Völker Menschenfleisch, meist mit rituellem Hintergrund. Dahinter steckte der Glaube, man könne sich den Mut oder die Intelligenz seines Feindes einverleiben, wenn man sein Herz oder sein Gehirn esse.

Insgesamt ist Anthropophagie, so der Fachbegriff, eine Randerscheinung der Menschheitsgeschichte. In der Regel ist der Vorwurf des Kannibalismus - gerade von europäischen Kolonisten - nur genutzt worden, um fremde Völker als Barbaren abzuqualifizieren. Missionierung oder Ausrottung, wie im Falle der Azteken, wurde dadurch gerechtfertigt. Deshalb waren die weißen Flecken auf alten Karten mit dem Satz "Hier leben Menschenfresser" überschrieben. Ein Vorurteil, das offenbar in beide Richtungen wirkte. So schrieb der Afrika-Forscher David Livingstone 1857 in seinen Reisebericht: "Beinahe alle Schwarzen glauben, dass Weiße Kannibalen sind."

Matthias Fuchs

(DJS-Klasse 42A Abschlusszeitung)




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