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Tagebücher für die Freiheit

Ukraine, Iran oder Saudi-Arabien: Weblogs sorgen für Meinungsfreiheit, wo Regierungen Maulkörbe verhängen

FREIBURG. Als Menschenmassen die Straßen von Kiew in ein leuchtendes Orange tauchten, blieben die Fernsehschirme zunächst schwarz. Fast alle ukrainischen TV-Kanäle, direkt oder indirekt vom Staat kontrolliert, versuchten, den Proteststurm gegen die Wahlfälschungen totzuschweigen. Anders sah es im Internet aus. Auf einer Vielzahl von Weblogs, elektronischen Tagebüchern im Netz, hielten Beobachter vor Ort die Öffentlichkeit im In-und Ausland auf dem Laufenden.

Am Tag nach der Wahl ruft ein anonymer englischsprachiger Weblog-Autor das Ausland um Hilfe: "Der Westen muss Juschtschenko anerkennen! Ruft Eure Parlamentarier an! Betet für die Ukraine!" Pausenlos werden auf den Seiten die neuesten Beispiele für Fälschungen bei der Wahl veröffentlicht. Veronika Kokhlova beschreibt auf ihrer Seite "Neeka's Backlog", wie sie die Massenproteste in Kiew erlebt, berichtet von den Menschen, die in der Kälte ausharren, erzählt, wie sie auf einmal selbst "Juschtschenko, Juschtschenko" ruft und sich dabei so zuversichtlich und stolz wie nie zuvor fühlt.

US-Bürger Scott Clark, der als Wirtschaftsberater in Kiew arbeitet, beschreibt in seinem Internet-Tagebuch verblüfft, wie seine ukrainische Schwiegermutter auf ihre alten Tage zur Revolutionärin wurde. Aus ihrem kleinen Dorf war sie nach Kiew gereist, und bereits am nächsten Tag marschierte sie in der ersten Reihe bei den Demonstrationen mit. Solche Erlebnisberichte berühren den Leser auf einer persönlichen Ebene, die in den Nachrichten der Tagesschau so nicht transportiert werden kann.

Erstmals wurde das Potenzial der Weblogs im Irakkrieg deutlich. In Katar, hunderte Kilometer vom Geschehen entfernt, präsentierte das US-Militär der Presse Bilder eines sauberen Kriegs. Zur selben Zeit berichtete ein Iraker unter dem Pseudonym Salam Pax täglich in seinem Weblog, wie er und seine Familie tatsächlich die Bombennächte in Bagdad erlebten.

Auch hier zu Lande gibt es bereits tausende Weblogs. Kein Vergleich zu den USA, wo bereits etwa 3,5 Millionen Tagebücher im Netz geschrieben werden. Der Begriff Weblog wird oft zu "Blog" verkürzt, die Autoren nennen sich dementsprechend "Blogger". Ihre Beiträge sind mal banal, mal tiefgründig, mal geht es um Privates, mal um Politisches. Die Schreiber verbreiten ihre subjektive Meinung, stellen auch Gerüchte und unbewiesene Behauptungen ins Netz. Eine Vielzahl von Nutzern halten die Blogs dennoch für glaubwürdig, gerade weil sie nicht von den etablierten Medien, sondern von "Menschen von nebenan" verfasst werden.

Während die "Logbücher" im Westen zur Pluralität der Meinungen beitragen, sind sie in Ländern ohne freie Presse oft der einzige Weg, die staatliche Medienzensur zu umgehen. So zum Beispiel Saudi-Arabien: Dort schreibt ein Mann unter dem Pseudonym "Alhamedi" den Blog "The Religious Policeman". Er beschreibt sich selbst als religiös, dennoch übt er harsche Kritik an den Exzessen der "Religionspolizei", die über die Einhaltung der islamischen Gebote im Alltag wacht. Immer wieder erinnert er an die 15 Mädchen, die im März 2002 in einem Feuer in ihrer Schule umkamen. Der Grund: Die Religionspolizei wollte sie nicht nach draußen lassen, weil sie nicht verschleiert waren.

Genauso gern lästert Alhamedi allerdings über die in seinen Augen korrupte Königsfamilie: "König Fahd ist verrückt und wird bloß durch Medikamente am Leben erhalten. Man müsste nur seinen Johnny-Walker-Tropf entfernen, und er wäre weg vom Fenster." Seine Berichte publiziert er über eine Satellitenverbindung, die nicht zurückverfolgt werden kann. Das hat seinen Grund: Die staatlichen Meinungswächter sind bereits auf die unbequemen Internet-Autoren aufmerksam geworden. Im Iran, wo Meinungsfreiheit ein Fremdwort ist, blüht eine regierungskritische Weblog-Szene. Im Oktober wurden dort mehrere Autoren verhaftet. Auch der saudische Blogger Alhamedi macht sich Sorgen um seine Sicherheit. Im April schreibt er in einem Eintrag: "Wenn ich merke, dass sich ein Netz um mich zusammenzieht, werde ich nicht mehr schreiben. Ich will kein Held sein." Das Netz scheint sich zusammenzuziehen. Seit drei Monaten hat er keinen neuen Eintrag verfasst.

WEBLOGS

Weblogs oder "Blogs" sind elektronische Tagebücher im Internet, die von jedermann eingesehen werden können. Die Leser haben die Möglichkeit, einzelne Einträge zu kommentieren. Als der Erfinder des Weblogs gilt der Amerikaner John Barger. Er begann 1997 im Internet regelmäßig von seinen alltäglichen Erlebnissen zu erzählen. 1999 zählte man weltweit 23 Blogs, heute sind es mehrere Millionen. Dank moderner Software können auch Menschen mit geringen Computerkenntnissen Weblogs erstellen.

LINKS

Neeka's Backlog

Orange Ukraine

My Mother-in-Law, the Revolutionary

Where is Raed?

The Religious Policeman

Erster Blog von John Barger


Matthias Fuchs

(Badische Zeitung, 9.12.2004)




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