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"Wie eine irakische Hochzeit"

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen lassen sich in München tausende Exil-Iraker für die Wahlen am Wochenende registrieren

MÜNCHEN. 14 Monate ist die kleine Hawra alt. Trotzdem steht sie gerade unter Terrorverdacht. Mit großen Augen beobachtet das Mädchen die uniformierte Frau, die sich an ihrem Kinderwagen zu schaffen macht. Die Kleine im rosa Strampelanzug wird hochgehoben, die blau-weißen Decken durchwühlt, das Kind selbst kritisch gemustert. "Kinderwagen sind ein gutes Versteck für Bomben", erklärt einer der Sicherheitsleute.

Spätestens seit Top-Terrorist al-Sarkawi mit "erbittertem Krieg" gegen die Wahlen im Irak gedroht hat, ist man auch hier zu Lande nervös. Denn Iraker, die hier leben, können auch von Deutschland aus wählen. Wer am 30. Januar abstimmen will, muss sich vorher persönlich registrieren lassen. Und dann noch einmal erscheinen, um seine Stimme abzugeben. Beides geht nur in den vier Wahlzentren in Köln, Berlin, Mannheim und München. 23 500 Wahlberechtigte haben sich bislang angemeldet.

Polizisten in weiten Overalls bilden den äußeren Ring um das Münchner Wahlzentrum im ehemaligen Olympia-Radstadion. "Wir haben zwar keine konkreten Hinweise, aber wir mussten trotzdem Vorsichtsmaßnahmen ergreifen", sagt Polizeisprecher Gottfried Schlicht. Für den Fall der Fälle stünden zusätzliche Hundertschaften in Bereitschaft. In einem abgetrennten Zelt werden die potenziellen Wähler von einem privaten Sicherheitsdienst kontrolliert. Gepäck wird durchleuchtet, die Menschen müssen Metalldetektoren passieren.

Amir und Zara Assad, die Eltern der kleinen Hawra, lassen die Prozedur mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Nach kurzer Zeit ist klar: Hawra hat keine Bombe im Kinderwagen, ihre Eltern sind keine Terroristen. Die drei dürfen weitergehen in eines der elf Registrierungsbüros. Die "Internationale Organisation für Migration" (IOM) betreut im Auftrag der irakischen Übergangsregierung in 14 Staaten das Auslandswahlprogramm. Erst vor vier Wochen hatte die Bundesregierung zugesagt, Irakern in Deutschland die Teilnahme an der Wahl zu ermöglichen. Die IOM musste Standorte für die Wahlzentren finden, Wahlhelfer rekrutieren und ausbilden. Selbst eine Werbekampagne für die Wahl wurde auf die Beine gestellt, mit einem Plakat, von dem ein dunkelhaariges Mädchen lächelt, in der Hand die irakische Flagge, im Hintergrund das Brandenburger Tor.

Amir und Zara Assad sind an diesem Tag aus Nürnberg angereist, im Bus zusammen mit 40 Landsleuten. Iraker aus ganz Süddeutschland sind gekommen, aber auch aus Österreich und Italien, wo es keine Wahlzentren gibt. Amir kam 1999 nach Deutschland, weil er politisch verfolgt wurde. In Nürnberg arbeitet der 31-Jährige in einer Druckerei. Gerne würde er seine Mutter in Bagdad wiedersehen. Aber sie macht sich Sorgen. "Bitte, bitte komm nicht" hat sie ihn angefleht. "Es ist zu gefährlich."Die Zukunft sieht er skeptisch: "Ich bin froh, dass die Amerikaner Saddam gestürzt haben, aber im Irak kann es erst besser werden, wenn die USA sofort abziehen."

Eine Meinung, die hier nur wenige teilen. Denn viele Auslandsiraker sind politische Flüchtlinge: Kurden, Oppositionelle oder Vertreter christlicher Minderheiten. Die Genugtuung über den Sturz Saddams, der sie ins Exil zwang, überdeckt für viele die aktuellen Probleme. "Die Amerikaner sollen auf jeden Fall noch einige Jahre im Irak bleiben", sagt Araz Farag, ein Kurde aus dem Nordirak. Von den 111 Parteien, die am 30. Januar zur Wahl stehen, wird er für die Kurdische Koalition stimmen.

Während die Wähler in deutschen Wahllokalen meist mit feierlichem Ernst ihren staatsbürgerlichen Pflichten nachkommen, herrscht hier Volksfestatmosphäre. Es wird gelacht, geraucht und geschäkert. Auf dem verschneiten Münchner Olympiagelände sind die Schreckensmeldungen aus der Heimat weit weg. "Die Wahl ist für uns so etwas wie eine irakische Hochzeit", erklärt Luma al-Alusi aus Freiburg. "Es ist eben ein tolles Erlebnis, zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wählen zu können."

Jetzt verlässt Amir Assad mit seiner Familie das Wahlzentrum. In der Hand hält er ein orangefarbenes Stück Papier mit einer achtstelligen Nummer. Es beweist, dass er als Wähler registriert ist. Ein Erstwähler, mit 31. Er lächelt, das erste Mal an diesem Tag. Fast scheint es, als hätte auch ihn der Glaube an eine demokratische Zukunft angesteckt. Er weiß bereits, welche Partei er wählen wird. "Aber das verrate ich nicht." Und in seiner Stimme schwingt Stolz mit.

Matthias Fuchs

(Badische Zeitung, 25.1.2005; Münchner Merkur, 25.1.2005)


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