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Kampf um Sekunden

Sie schickt der Himmel: Die Hubschrauber-Ärzte. Ein Tag bei der Deutschen Rettungsflugwacht in Freiburg

Die alte Frau auf dem braunen Teppich zittert, ihr Gesicht ist mit Erbrochenem verschmiert. Ihre Augen starren nach rechts oben. In die Richtung des Blutgerinnsels in ihrem Gehirn, das sie gefällt hat. Aber sie lebt. Gefunden wurde die 89-jährige vom Sozialdienst, der ihr das Mittagessen gebracht hat. Jetzt drängen sich sechs Leute in ihrem kleinen Schlafzimmer. Überall in der Wohnung sitzen Puppen, die ausdruckslose Blicke auf das hektische Geschehen werfen.

Neben der Frau kniet Notarzt Michael Krapf. Es ist sein erster Einsatz an diesem Tag. Normalerweise kommt er mit dem Hubschrauber, in diesem Fall jedoch nicht. Zehn Minuten zuvor, um 11:35 Uhr, hatten die Pieper des Teams der Deutschen Rettungsflugwacht (DRF) in Freiburg geschrillt. Pilot, Sanitäter und Notarzt warfen sich routiniert in ihre orangenen Jacken, bereit zum Hubschrauber auf dem Rollfeld zu sprinten. Binnen zwei Minuten können sie in der Luft sein. Doch die Nachfrage bei der Leitstelle brachte Klarheit: Ein Flug wäre Unsinn, denn der Einsatzort liegt nur zwei Straßen vom Flugplatz entfernt. Stattdessen eilte ein Krankenwagen herbei, um Notarzt Krapf abzuholen. Die Fahrt ging zu einem Reihenhaus mit gelbem Vordach, dem Haus der alten Frau.

Wann genau traf die Frau der Schlag? Das zu ermitteln, ist entscheidend für die Behandlung. Der Mediziner wird zum Detektiv. "Das Bett ist gemacht, die Badische Zeitung liegt noch im Flur, es sieht nicht aus, als ob sie sich Frühstück gemacht hätte", stellt Krapf fest. Anscheinend liegt die Frau bereits seit gestern Abend auf dem Boden. Das verringert die Heilungschancen. Nur innerhalb der ersten drei bis sechs Stunden nach einem Schlaganfall kann mit einer so genannten Lyse-Therapie geschädigtes Hirngewebe regeneriert werden. Krapf kontrolliert Puls und Blutdruck der Frau, legt eine Infusion, versucht, sie anzusprechen. Mehr kann er nicht tun. Der Rettungswagen bringt sie in die Uniklinik, die Mediziner verlassen das Haus, ziehen die Tür hinter sich zu. Die Puppen der alten Frau bleiben allein zurück.

Als Michael Krapf um 12:30 das Haus der alten Dame in Freiburg verlässt, bemerkt Dieter Schneider in Waldshut, 80 Kilometer südöstlich, zum ersten Mal, dass sein rechter Arm sich taub anfühlt. Er beschließt es zu ignorieren, vorerst. Michael Krapf weiß nichts von Schneider, aber er wird sein Leben retten, bevor der Tag vorüber ist.

Der Krankenwagen bringt Krapf von der Klinik zurück zur DRF-Basis am Freiburger Flugplatz. Die Rettungsflieger sind in einem unscheinbaren Hangar untergebracht. Jeden Morgen um 7:30 Uhr fahren sie den rot-weißen Helikopter vom Typ Messerschmitt BK 117 aus der Halle, checken ihn durch und tanken ihn voll. Um acht Uhr melden sie Einsatzbereitschaft an die Leitstelle Freiburg. Der Rettungshubschrauber "Christoph 54" ist für alle Notfälle in einem Radius von etwa 20 Flugminuten zuständig, von Offenburg im Norden bis zur Schweizer Grenze im Süden. Bei der Massenkarambolage auf der A5 ist er zur Stelle, aber auch wenn ein Skifahrer mit Gehirnerschütterung am Feldberg liegt. Landen können sie fast überall, wo es nicht geht, an steilen Hängen etwa, muss der Notarzt dicht über dem Boden aus dem Hubschrauber abspringen.

Bis Sonnenuntergang sind die Freiburger in Bereitschaft, dann übernimmt die schweizerische Rettungsflugwacht Rega in Basel, die auch nachts fliegt. Einen 24-Stunden-Betrieb in Freiburg aufrecht zu erhalten, wäre zu teuer. Der Flugdienst wird zu 85 Prozent von den Krankenkassen bezahlt, den Rest muss die DRF aus Spendengeldern selbst finanzieren. Die DRF betreibt neben dem ADAC die meisten Rettungshubschrauber in Deutschland. Die Station in Freiburg wurde 1993 gegründet, im Januar 2005 hob "Christoph 54" zu seinem 10.000. Einsatz ab.

Es ist 15 Uhr. In Waldshut entschließt sich Dieter Schneider endlich, ins Krankenhaus zu gehen. In Freiburg warten die Retter auf ihren nächsten Einsatz. Notarzt Michael Krapf arbeitet eigentlich im Freiburger Josefskrankenhaus. Er ist einer von 18 Ärzten, die turnusmäßig bei der Luftrettung Dienst tun. Der 43-Jährige ist ein erfahrener Notarzt, selbst kritische Situationen scheinen ihm nicht seine gute Laune zu verderben. Ihm zur Seite steht Rettungsassistent Hans-Peter Demmel, 47, der Schweigsamste der drei. Der dritte im Bunde ist Werner Reichel. Der 57-Jährige mit dem kurzen grauen Bart ist seit 36 Jahren Pilot und liebt seinen Job. "Wenn man hoch über dem Schwarzwald fliegt und die Sonne scheint, das ist schon toll. Das sind Perspektiven, die einem sonst verwehrt bleiben", sagt er. Reichel flog zunächst bei der Bundeswehr, arbeitete dann für Privatunternehmen. Er kutschierte VIPs durch die Lüfte oder versprühte Unkrautvernichter über Weinbergen. Seit neun Jahren fliegt er nur noch für die DRF.

Die Stunden ziehen dahin, ohne dass der Pieper einen Laut von sich gibt. Um sich die Zeit zu vertreiben, reden die Männer über die Neuauflage der Schwarzwaldklinik. Michael Krapf war vor 20 Jahren selbst einmal Statist bei den Dreharbeiten, als junger Medizinstudent. Aber das Bild, das im Fernsehen von der Arbeit der Ärzte vermittelt wird, halten die drei für völlig falsch. "Da fallen mir immer tausend Fehler auf", sagt Krapf. Besonders Actionserien wie "Medicopter" haben nichts mit dem Alltag der Luftretter zu tun. "Da rollt's mir die Fußnägel hoch, wenn ich das sehe", sagt Pilot Reichel. "Wir sind nicht geschminkt, wir stinken am Ende des Tages nach Schweiß, im schlimmsten Fall ist der Hubschrauber voller Blut - so was zeigen sie im Fernsehen nicht."

Im Waldshuter Krankenhaus wird Dieter Schneider in den Computertomographen geschoben. Der diensthabende Arzt erkennt die dunklen Flecken auf den Bildern sofort. Eine Gehirnblutung. Schneider ist erst 40 Jahre alt. Plötzlich verschlechtert sich sein Zustand. Sein Puls rast, sein Blutdruck schnellt nach oben, fällt wieder, schnellt wieder hoch. Dem Arzt wird mulmig.

Es gibt Tage, da fliegen die Freiburger Retter bis zu zehn Einsätze. Tage, an denen der erste Notruf kommt, wenn sie gerade morgens mit dem Frühstück anfangen wollen. An denen sie erst spätabends wiederkommen und das Frühstück immer noch auf dem Tisch steht, unberührt. An manchen Tagen passiert dagegen gar nichts. Wird dies wieder so ein Tag? Die Männer werden langsam unruhig, das Warten zerrt an den Nerven, ein Notruf wäre jetzt fast wie eine Erlösung. Eigentlich eine perverse Situation, gibt Michael Krapf zu. Denn schließlich warten sie darauf, dass irgendjemand einen Herzinfarkt oder einen schweren Unfall hat. "Es ist nicht so, dass wir ,blaulichtgeil' wären. Aber jeder von uns will natürlich das machen, wofür er ausgebildet wurde", sagt Krapf. Abgestumpft sind sie nicht, sagen sie, sondern professionell.

Manchmal aber gerät die Professionalität ins Wanken. Zum Beispiel wenn man zu einem Schwerverletzten gerufen wird, den man persönlich kennt. Etwa als Michael Krapf einen verunglückten Gleitschirmflieger verarzten musste, und erkannte, dass der Mann einer seiner Kollegen war. Besonders schlimm ist es, wenn ein "Kindernotruf" eingeht. "Da wird es auf dem Flug ganz still bei uns", sagt Demmel. Von solchen Einsätzen kann jeder der drei erzählen, sie graben sich tief ins Gedächtnis und hinterlassen Spuren, die auch nach Jahren nicht verblassen. "Die Bilder verfolgen einen", so Demmel.

Einmal wurden sie gerufen, als ein Autofahrer in eine Menschenmenge gerast war. Eine Familie hatte dort gestanden, der Mann war unverletzt, Mutter und Tochter rangen mit dem Tod. "Wir haben versucht, die fünfjährige Tochter wiederzubeleben. Der Vater hat uns dabei geholfen. Aber es war hoffnungslos. Als dann plötzlich die Frau Lebenszeichen zeigte, mussten wir uns um sie kümmern", sagt Michael Krapf. Am Ende war auch das vergebens. Als der Hubschrauber mit der Frau auf dem Dach der Klinik landete, war sie schon tot. Ein anderes Mal flogen sie in ein kleines Dorf, wo ein Dreijähriger von einem Traktor überrollt worden war. Seit einer Stunde versuchten die Rettungssanitäter vor Ort bereits, den Jungen wiederzubeleben. "Klar, bei Kindern, da will man nicht aufgeben", sagt Krapf. Aber die Reanimation hatte längst keinen Sinn mehr. "Leute hört endlich auf", musste er in dem Moment sagen. Er runzelt die Stirn und blickt zu Boden: "Jeder, der behauptet, dass ihm so etwas nichts ausmacht, der lügt."

Umso mehr motiviert es, wenn sich gerettete Patienten persönlich bedanken. Wie der Student, der von einem Auto zehn Meter durch die Luft geschleudert wurde, und wohl gestorben wäre, wenn Krapf nur zwei Minuten später an der Unfallstelle angekommen wäre. "Sie waren mein zweiter Geburtshelfer", hat er ihm geschrieben. Kinder, die gerettet wurden, haben Bilder vom Hubschrauber gemalt, die in der Station an der Wand hängen.

Es ist 16:31 als sich die Spannung endlich löst. Das Telefon klingelt, am Apparat ist ein junger Arzt. Der Arzt von Dieter Schneider aus dem Krankenhaus in Waldshut. "Sie glauben gar nicht, wie froh ich bin, sie zu hören", sind die ersten Worte, die er zu Michael Krapf sagt. Der Hubschrauber soll nach Waldshut fliegen und Schneider zu den Spezialisten in der Uniklinik Freiburg bringen, so schnell wie möglich. Der Patient ist "heiß", wie die Ärzte sagen, sein Zustand ist kritisch. Geschwindigkeit ist jetzt alles. Das Team setzt sich in Bewegung wie eine gut geölte Maschine. Pilot Reichel telefoniert mit dem Wetterdienst. Die Wolken über dem Schwarzwald hängen zu tief, doch es könnte klappen, wenn sie den Umweg durch den Rheingraben fliegen. Aber sie müssen sich beeilen. Eine Unwetterfront zieht heran.

Drei Minuten später zieht Reichel den Schubhebel der BK 117 nach oben. Die Maschine wiegt drei Tonnen, soviel wie ein Kleinlaster. Trotzdem hebt sie ab, als wäre sie federleicht. Die Kabine ähnelt in ihren Ausmaßen einer fliegenden Toilette, so eng ist es im Innern. Es bleibt gerade genug Platz für die drei Retter und den Patienten. Der Hubschrauber ist vollgestopft mit medizinischen Geräten. Es riecht nach Kerosin und es ist so laut, dass man sich per Funkgerät im Helm verständigen muss, selbst wenn man sich direkt gegenüber sitzt. Um kleine Patienten zu beruhigen, fliegt immer noch ein weiterer Passagier mit: Ein Stoffteddy.

Pilot Reichel steuert die Maschine durch ein verschneites Tal, wenige hundert Meter über dem Boden. Überall versperren tiefe Wolken den Weg. Hindurchfliegen will er nicht, zu groß ist das Risiko, dass der Rotor vereist. Der größte Feind des Hubschraubers aber sind Stromleitungen, die Reichel mit großem Sicherheitsabstand überfliegt. Unfälle hat er noch nicht gehabt, und das soll auch so bleiben. Er entscheidet sich für einen weiteren Umweg, jetzt direkt über den Rhein. Früher musste der Rettungsassistent, der neben dem Piloten sitzt, mit Stadtplänen hantieren, um am Einsatzort die richtige Straße zu finden. Jetzt führt ein GPS-System mit einem farbigen Bildschirm zum Ziel. Mit 220 km/h jagt der Helikopter über die Häuser von Bad Säckingen, rechts davon erstreckt sich die schmutziggraue Wasserfläche des Rheins. Das Krankenhaus in Waldshut liegt direkt am Fluss, der Hubschrauber schwebt von der Seite ein, landet neben dem Gebäude. Patienten auf den Balkonen beobachten neugierig das Schauspiel.

Dieter Schneider liegt auf einem Bett, an seinem Körper hängen Kabel und Schläuche. Die Augen hat er zu kleinen Schlitzen geschlossen, er atmet schwer unter einer Sauerstoffmaske. Mit der Hand umklammert er seine Brieftasche. Der junge Arzt steht neben dem Bett. Er sieht aus, als fiele ihm ein Stein vom Herzen, als er die drei Männer mit den orangenen Overalls sieht. Gemeinsam wuchten sie den massigen Körper Schneiders auf eine Trage. Für den Flug wickeln sie ihn in eine rote Heizdecke, die ihn aussehen lässt wie eine Mumie. Die Trage mit Schneider wird durch eine Klappe im Heck in den Hubschrauber geschoben. Kurz darauf hebt er wieder ab.

Das Unwetter ist da. Mühsam kämpft sich "Christoph 54" durch das Schneetreiben. Reichel fliegt jetzt die ganze Rheinschleife, er will kein Risiko eingehen. Aber es kostet Zeit. Dem Patienten geht es immer schlechter. Sein Blutdruck steigt auf 200. Der Druck muss runter, sonst könnte sich die Gehirnblutung vergrößern. Krapf spritzt blutdrucksenkende Medikamente, dazu starke Beruhigungsmittel. Sollte er bewusstlos werden, müsste er ihn intubieren, künstlich beatmen. Dazu müsste der Hubschrauber sofort landen, egal wo, zur Not auf einem Acker. Doch Schneider hält durch. Als es bereits dunkel wird, geht Reichel auf direkten Kurs nach Freiburg. Auf der B3 bei Müllheim stauen sich die Autos, es ist Rush-hour.

Am Flugplatz wartet bereits der Krankenwagen. Mit Sirene und Blaulicht geht es in die Uniklinik. Um 18:25 übergibt Michael Krapf Dieter Schneider in die Hände der Neurochirurgen des Krankenhauses. "Wir haben zwar eine halbe Stunde wegen des Wetters verloren, aber wenn wir mit dem Krankenwagen gefahren wären, wären wir jetzt immer noch irgendwo zwischen Lörrach und Bad Krozingen", sagt Krapf. Der Transport mit dem Helikopter hat Zeit gespart, Zeit, die wahrscheinlich lebensrettend war.

Dann macht sich Krapf auf den Weg nach Hause. Dort wartet wieder eine Patientin auf ihn. Seine Frau, die krank im Bett liegt. Aber nichts Ernstes. Diesmal nimmt er den Wagen, nicht den Hubschrauber.

(Badische Zeitung, 12.3.2005)



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