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Funkender Frischkäse

Hoffnung für den Handel, Horror für Datenschützer: Warum winzige Funkchips unser Leben verändern werden

Niemals mehr irgendetwas verlieren - was für ein Traum. Apple-Gründer Steve Wozniak will ihn wahr machen. Für ein paar hundert Dollar will seine Firma Wheels of Zeus in Kürze ein System anbieten, bei dem man Geldbörse, Schlüssel oder die stets verlegte Brille mit winzigen Funkchips versehen kann. Gingen sie verloren, könnten sie blitzschnell auf elektronischen Übersichtskarten der Wohnung lokalisiert werden. Wer sein Baby mit Chips beklebt, kann gemütlich vor dem Fernseher hocken und weiß trotzdem sofort, wenn Junior aus dem Laufstall ausbricht. Und die Überwachung des Stubenarrests von Teenagern würde deutlich erleichtert.

Die Technologie, die dahinter steckt, heißt RFID - vier Buchstaben, die Wissenschaftler zum Schwärmen bringen, Wirtschaftsbosse von dicken Gewinnen träumen lassen und Datenschützer in helle Aufregung versetzen. RFID steht für Radio Frequency Identification. Die Daten auf RFID-Chips können mittels Funkwellen ausgelesen werden. Die Lesegeräte haben je nach Bauart eine Reichweite von wenigen Zentimetern bis zu mehreren Metern. Chips der neuesten Generation sind klein wie Sandkörner. Batterien brauchen sie keine. Zusammen mit einer schlangenförmigen Kupferantenne ergeben sie ein so genanntes RFID-Tag, flach wie ein Aufkleber.

Die schlauen Chips sind längst unter uns: Jeder, der schon mal mit einem Skipass berührungsfrei das Drehkreuz zum Lift passiert hat, hat RFID genutzt. Die Chips stecken in Autoschlüsseln, in Büchern vieler Bibliotheken oder im österreichischen "Mautpickerl". Bei der Fußball-WM 2006 soll RFID die Eintrittskarten fälschungssicher machen. Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts haben ein System entwickelt, das schon bald in der Bundesliga zum Einsatz kommen könnte. Dabei werden Bälle und Schienbeinschoner von Fußballspielern mit Funkchips ausgestattet. Ob ein Spieler im Abseits steht, kann so mittels Funktechnologie in Sekunden zweifelsfrei geklärt werden. Genau wie die Frage, ob der Ball nun im Tor war oder nicht. Hätte es das nur schon 1966 gegeben. Man hätte sich den jahrzehntelangen Streit um das Wembley-Tor schenken können.

In den USA bietet eine Firma für etwa 30 Dollar RFID-Chips an, die Haustieren eingepflanzt werden können. Eine Million Hunde und Katzen sind bereits damit ausgerüstet. Wenn der pelzige Liebling wegläuft und dann im Tierheim abgegeben wird, kann dort der Chip gelesen werden. Die Nummer wird über eine Internet-Datenbank dem richtigen Besitzer zugeordnet, und Fiffi kommt zurück zu Frauchen.

Nicht nur Tiere, auch Menschen werden "verchipt". In einem Nachtclub in Barcelona kann man sich mit einer Spritze einen reiskorngroßen Chip in die Schulter schießen lassen. Der kann an der Bar angefunkt werden. Statt auf den Bierdeckel kann man sich Caipirinhas und Bier dann auf den Chip schreiben lassen. Am Ausgang wird die komplette Rechnung beglichen. An einer High School im US-Staat New York tragen Schüler und Lehrer Karten mit Chips, die vermelden, wer sich in der Schule aufhält und wer blau macht. Auch nach der Flutkatastrophe in Südasien kam RFID zum Einsatz: Leichen, die aus Angst vor Seuchen eilig verscharrt wurden, versah man mit den Chips, um sie später wiederfinden und identifizieren zu können.

Neu ist die Technologie hinter RFID nicht. Bereits im Zweiten Weltkrieg wurde sie als "Freund-Feind-Kennung" eingesetzt. Auf britischen Fliegerbasen wurde mit Funkwellen überprüft, ob die Flugzeuge, die zur Landung ansetzten, eigene oder feindliche Maschinen waren. Nur die eigenen hatten einen Transponder, der auf die Funkwellen reagierte.

Chiphersteller wie Philips und Infineon wittern ein Milliardengeschäft mit den funkenden Winzlingen. Der Metro-Konzern will mit den Chips den althergebrachten Strichcode in der Lagerhaltung ersetzen. Bis Ende des Jahres sollen 100 der größten Metro-Lieferanten ihre Paletten mit RFID-Chips ausstatten. Wird dann ein LKW ausgeladen, müssen die Paletten mit den Waren nur noch durch ein Tor mit Funkscannern gezogen werden, wo sie automatisch erfasst werden - bisher muss noch jeder Karton von Hand gescannt werden. Für jeden LKW können 10 Minuten gespart werden. Die Zeitersparnis ist bares Geld wert.

In Neuss betreibt der Konzern in einem alten Kaufhof-Lager ein Erprobungszentrum, wo man sich alle möglichen Anwendungen für RFID ausdenkt. Zum Beispiel den intelligenten Kühlschrank, der immer genau weiß, welche Lebensmittel er gerade in seinem kalten Bauch aufbewahrt. Denn von der Butter bis zur Frischkäsepackung ist alles mit RFID-Tags versehen. Wenn man Ketchup herausnimmt, bestellt der schlaue Kühlknecht einfach eine neue Flasche, übers Internet.

Im "Future-Store" der Metro in Rheinberg am Niederrhein wird RFID schon direkt "am Kunden" getestet. Hier finden sich drei "schlaue Regale", die mit RFID-Lesegeräten ausgestattet sind. Wenn ein Kunde beispielsweise Shampoo aus dem Regal nimmt, wird dies im Computersystem des Supermarkts registriert, denn jede Packung trägt einen Chip. Wenn der Computer merkt, dass nur noch wenige Flaschen im Regal stehen, wird ein Mitarbeiter zum Auffüllen losgeschickt. Die Daten können von überall abgefragt werden. "Procter & Gamble in Cincinnati in den USA könnte sehen, wie sich ihr Shampoo im Regal in Rheinberg in Deutschland verkauft," erklärt Marcos Fernández, Sprecher des Future-Store.

Sollten eines Tages alle Produkte mit Chips ausgerüstet sein, könnte man auch auf Kassiererinnen verzichten: Die Kunden müssten dann mit ihrem Einkaufswagen nur noch an einem Lesegerät vorbeifahren, der fällige Betrag würde automatisch von der Kreditkarte abgebucht. Technische Probleme verhindern derzeit noch, dass alle Produkte Funketiketten bekommen. Denn Flüssigkeiten und Metall schirmen die Funkwellen ab. Wenn die Artikel ungünstig im Einkaufswagen liegen, etwa unter Saftflaschen oder Konservendosen, können nicht alle Etikette gelesen werden. Auch die Kosten sind noch zu hoch: "Es macht keinen Sinn, auf jeden Joghurtbecher ein 30 Cent teures RFID-Label zu kleben. Das wird sich erst lohnen, wenn die Kosten auf einen Cent pro Stück fallen", sagt Fernández.

In Zukunft soll jeder RFID-Chip einen 96-stelligen Code enthalten. Das reicht theoretisch, um jedem Gegenstand auf der Welt seine eigene Nummer zu verpassen. Dann würden ganz neue Möglichkeiten der Vernetzung entstehen. Elgar Fleisch von der Universität St. Gallen, der als Europas "RFID-Papst" gilt, prognostiziert gar das "Internet der Dinge", ein Netz, in dem alle Gegenstände untereinander Kontakt haben. "Wir werden von vielen kleinen Computern umgeben sein, die allerlei gute und böse Dinge für uns tun", so Fleisch. "So dehnt sich das Netz von den Rechnern auf die realen Dinge aus," visioniert Fleisch. "Was da alles möglich wäre: Meine Kreditkarte würde nur funktionieren, wenn sie in der Nähe meiner Uhr ist, weil sich beide Geräte mögen. Oder mein Fahrrad würde sich selber aufsperren, wenn ich in die Nähe komme."

Doch die Technologie hat nicht nur Fans. Datenschutzgruppen wie der Bielefelder Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs (FoeBuD) haben den "Schnüffel-Chips" den Kampf angesagt. Die Datenschützer entwerfen Horrorszenarien: Ein Kunde kauft im Warenhaus Schuhe, die mit versteckten RFID-Etiketten ausgestattet sind. Er bezahlt mit seiner Kreditkarte. Die einzigartige Artikelnummer der Schuhe, die auf dem Chip gespeichert ist, wird im Kassencomputer mit dem Namen auf der Kreditkarte verbunden. Nun könnte die Person über die Nummer ihrer Schuhe identifiziert werden, wo immer diese ausgelesen wird. Mit versteckten RFID-Scannern an öffentlichen Orten könnte so ein genaues Bewegungsprofil erstellt werden. Deshalb fordert der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar gesetzliche Regelungen, um Missbrauch zu verhindern, nebst einer Kennzeichnungspflicht für Produkte mit Chips.

"Wir nehmen solche Bedenken sehr ernst", sagt Future-Store-Sprecher Fernández. Am Ausgang des Supermarktes stehen deshalb zwei so genannte Eraser, mit denen besorgte Kunden die Daten auf den Chips löschen können. "Der Horde der Rosa-Brillenträger steht die Horde der Bedenkenträger gegenüber. Denn auch RFID hat Nachteile", räumt Elgar Fleisch ein, gibt aber zu bedenken: "Mit einem Messer können Sie Menschen umbringen und Flugzeuge entführen. Aber trotzdem verwenden die Leute Messer, weil sie sich an die Vorteile gewöhnt haben."

Wie sehr man sich an die Vorteile gewöhnen kann, zeigt das Beispiel der Familie Jacobs aus Florida. Zunächst ließ sich nur der krebskranke Vater eine RFID-Kapsel implantieren, damit seine Krankengeschichte für die behandelnden Ärzte stets abrufbar war. Doch dann wollten auch die anderen Familienmitglieder den Chip unter der Haut. US-Medien nennen die Jacobs seither nur noch "die Chipsons".

Matthias Fuchs

(Badische Zeitung, 5.3. 2005)



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